Phosphatidylserin einfach erklärt
Phosphatidylserin ist ein Baustein der Zellhülle, der in Studien zu Gedächtnis, Konzentration und Stress untersucht wird. Diese Seite fasst in einfachen Worten zusammen, was Untersuchungen am Menschen dazu zeigen.
1. Worum es geht
Phosphatidylserin ist ein Baustein der Hülle, die jede Zelle umgibt. Diese Hülle heißt Zellmembran. Der Baustein sitzt vor allem an der Innenseite dieser Hülle und hilft dabei, dass Signale von außen in die Zelle weitergegeben werden. Er kommt in allen tierischen und pflanzlichen Zellen vor. Natürliche Quellen sind Soja, Sonnenblumenkerne und tierische Gewebe wie Gehirn oder Leber. Für Nahrungsergänzungen wird er meist aus Soja- oder Sonnenblumenlecithin gewonnen; Lecithin ist ein fettähnlicher Stoff aus Pflanzen.
Ein wichtiger Punkt für das Verständnis der Untersuchungen: Phosphatidylserin wird selten allein geprüft. Häufig bekommen die Teilnehmenden es zusammen mit Omega-3-Fettsäuren oder Phosphatidsäure. Omega-3-Fettsäuren sind Fette aus Fisch und Pflanzenölen, Phosphatidsäure ist ein weiterer Baustein der Zellhülle. Wirkt eine Kombination, lässt sich hinterher nicht sagen, welcher Bestandteil den Unterschied gemacht hat. Außerdem werden im Blut oder Gewebe meist keine direkten Werte des Stoffes gemessen, weil er schnell umgebaut wird. Stattdessen nutzen die Untersuchungen Gedächtnistests oder Beobachtungen im Alltag.
2. Was Untersuchungen zeigen
In einer Untersuchung von 2014 bekamen 36 Kinder mit ADHS im Alter von 4 bis 14 Jahren zwei Monate lang Phosphatidylserin aus Soja. Am Ende waren die ADHS-Beschwerden, die Aufmerksamkeitsprobleme und die Unruhe in der Gruppe mit dem Stoff geringer als zuvor; die Gruppe mit einem Placebo veränderte sich nicht. Auch das kurze Merken von Gehörtem war besser. Ein Placebo ist eine Scheinbehandlung ohne Wirkstoff 4.
Eine zweite Untersuchung von 2010 begleitete 157 ältere Menschen mit subjektiven Gedächtnisbeschwerden über 15 Wochen. Sie bekamen Phosphatidylserin zusammen mit Omega-3-Fettsäuren oder ein Placebo. In der Auswertung zeigte sich, dass die Teilnehmenden mit anfangs besserer Gedächtnisleistung sich danach Dinge besser merken und Gelerntes besser abrufen konnten 2. Da der Stoff zusammen mit Omega-3-Fettsäuren gegeben wurde, lässt sich der Effekt nicht Phosphatidylserin allein zuschreiben.
Bei 84 älteren Menschen mit Alzheimer-Demenz wurde 2014 ein Komplex aus Phosphatidylserin und Phosphatidsäure über zwei Monate geprüft. In der Placebogruppe wurden alltägliche Tätigkeiten wie Anziehen oder Essen über die Zeit schlechter, in der Gruppe mit dem Komplex blieb diese Fähigkeit erhalten 3.
In einer kleinen Untersuchung von 2016 bekamen 15 Frauen nach den Wechseljahren im Alter von 60 bis 84 Jahren sechs Monate lang ein Präparat mit mehreren Bestandteilen, darunter Phosphatidylserin; 12 weitere Frauen bekamen ein Placebo. Bei den Frauen mit dem Präparat wurden Reaktionen in einem Bewegungstest schneller, das Merken von Wörtern besser und das gewohnte Gehtempo höher 1. Da das Präparat viele Bestandteile hatte, lässt sich der Effekt nicht Phosphatidylserin allein zuschreiben.
Zu Stress gibt es ältere Untersuchungen mit gesunden Männern aus den Jahren 1990 und 1992. Sie deuten darauf hin, dass die körperliche Stressreaktion nach Belastung abgeschwächt werden kann 56. Eine spätere Arbeit von 2012 beobachtete Ähnliches bei Männern mit hoher Dauerbelastung, dort zusammen mit Omega-3-Fettsäuren 7. Zur Verträglichkeit liegt eine Untersuchung von 2013 mit Kindern vor, die den Stoff zusammen mit Omega-3-Fettsäuren über einen kurzen Zeitraum bekamen 8. Alle diese Befunde sind Hinweise und noch nicht gesichert.
3. Was noch unklar ist
Fast alle Untersuchungen am Menschen prüfen Phosphatidylserin zusammen mit anderen Stoffen. Ob der Stoff allein etwas bewirkt, ist deshalb offen. Auch ist nicht geklärt, wie viel davon überhaupt ins Gehirn gelangt; die meisten Untersuchungen messen keine Werte im Nervensystem. Beobachtungen über lange Zeiträume fehlen, ebenso größere Gruppen von Teilnehmenden. Bei Alzheimer-Demenz sind die Ergebnisse widersprüchlich. Zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen und zu antioxidativen Wirkungen gibt es kaum belastbare Aussagen; antioxidativ bedeutet, dass ein Stoff aggressive Teilchen im Körper abfangen kann. Ob die beobachteten Effekte wirklich das Gedächtnis betreffen oder eher über eine geringere Stressreaktion zustande kommen, ist ebenfalls eine offene Frage. Die prüfbare Frage nach größeren Untersuchungen mit reinem Phosphatidylserin in verschiedenen Zubereitungen steht noch aus.
4. Was das im Alltag bedeutet
Wer die Studienlage liest, stößt auf viele kleine Untersuchungen mit unterschiedlichen Gruppen: Kinder mit ADHS, ältere Menschen mit Gedächtnisbeschwerden, Menschen mit Alzheimer-Demenz, Männer unter Stress. Die Ergebnisse gehen in eine ähnliche Richtung, wurden aber fast immer mit weiteren Stoffen zusammen erhoben. Ob Phosphatidylserin allein etwas verändert, lässt sich daraus nicht ablesen. Beobachtet wurden Testaufgaben, Alltagstätigkeiten und Stressreaktionen, nicht Krankheitsverläufe im Ganzen. Wer die Beiträge vergleicht, sieht außerdem, dass die Gruppen jeweils eng gefasst waren, etwa ältere Menschen mit leichten Beschwerden. Als Nächstes wäre zu klären, ob reines Phosphatidylserin über längere Zeit bei klar beschriebenen Gruppen etwas verändert und welche Werte sich dabei im Nervensystem messen lassen.
Alle Einzelheiten mit Studienzahlen und Quellen: ausführliche Seite zu Phosphatidylserin. Für Kinder: Phosphatidylserin für Kinder.
Häufige Fragen
Kann Phosphatidylserin das Gedächtnis verbessern?
In mehreren Untersuchungen wurden bessere Leistungen in Gedächtnistests beobachtet, vor allem bei älteren Menschen mit leichten Beschwerden und bei Kindern mit ADHS. Fast immer wurde der Stoff dabei zusammen mit Omega-3-Fettsäuren oder Phosphatidsäure gegeben. Ob Phosphatidylserin allein diesen Unterschied macht, ist offen.
Wirkt Phosphatidylserin gegen Stress?
Zwei ältere Untersuchungen mit gesunden Männern deuten darauf hin, dass die körperliche Stressreaktion abgeschwächt werden kann 56. Später wurde Ähnliches bei Männern mit hoher Dauerbelastung beobachtet, dort in Kombination mit Omega-3-Fettsäuren 7. Wie belastbar das ist, ist damit noch nicht geklärt.
Warum wird Phosphatidylserin in Untersuchungen oft mit anderen Stoffen zusammen gegeben?
Viele Arbeiten prüfen einen Komplex aus Phosphatidylserin und Omega-3-Fettsäuren oder Phosphatidsäure, weil diese Stoffe ebenfalls für Gehirn und Gedächtnis untersucht werden. In solchen Untersuchungen lässt sich hinterher nicht zuordnen, welcher Bestandteil den Unterschied bewirkt hat.
Quellen
- 1Strike SC, Carlisle A, Gibson EL, Dyall SC · 2016
- 2Vakhapova V, Cohen T, Richter Y, Herzog Y, Korczyn AD · 2010
- 3
- 4Hirayama S, Terasawa K, Rabeler R, Hirayama T, Inoue T, Tatsumi Y et al. · 2014
- 5Monteleone P, Beinat L, Tanzillo C, Maj M, Kemali D · 1990
- 6Monteleone P, Maj M, Beinat L, Natale M, Kemali D · 1992
- 7Hellhammer J, Hero T, Franz N, Contreras C, Schubert M · 2012
- 8Manor I, Magen A, Keidar D, Rosen S, Tasker H, Cohen T et al. · 2013
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