Wissen · Therapien

Neuraltherapie einfach erklärt

Die Neuraltherapie ist ein Verfahren, bei dem ein schmerzdämpfendes Mittel an bestimmte Stellen im Körper gespritzt wird. Diese Seite erklärt in einfachen Worten, was dazu untersucht wurde und was noch offen ist.

Stand:

1. Worum es geht

Die Neuraltherapie wurde in den 1920er-Jahren von den Brüdern Ferdinand und Walter Huneke entwickelt. Bei diesem Verfahren spritzt man ein örtliches Betäubungsmittel – meist Procain oder Lidocain – in bestimmte Stellen des Körpers. Das Mittel dämpft dort vorübergehend den Schmerz. Gespritzt wird mit dünnen Nadeln und kleinen Mengen, oft in mehreren Sitzungen hintereinander.

Die Neuraltherapie kennt drei Formen. Bei der Segmenttherapie wird in Haut, Muskeln oder Gelenke eines Körperabschnitts gespritzt. Bei der Störfeldtherapie spritzt man in Bereiche, die als dauerhaft entzündet oder vernarbt gelten, zum Beispiel in Narben. Solche Stellen nennt das Verfahren Störfelder; sie sollen über Nervenbahnen auf weit entfernte Körperregionen wirken. Bei der Ganglientherapie wird an Nervenknoten gespritzt.

Wichtig für die Forschung: In Studien wird die Neuraltherapie nur selten allein geprüft. Meist geht es um Triggerpunkt-Spritzen. Ein Triggerpunkt ist ein verhärteter, druckempfindlicher Bereich im Muskel. Das ist technisch ähnlich, beruht aber auf einer anderen Erklärung.

2. Was Untersuchungen zeigen

Am besten untersucht sind Schmerzen im Bewegungsapparat. Mehrere Studien mit Betäubungsmittel-Spritzen in schmerzende Muskeln zeigten kurzfristige Verbesserungen: Die Schmerzen ließen nach, und die Betroffenen konnten sich besser bewegen. Diese Ergebnisse gelten als Hinweise, aber noch nicht als gesichert. Viele Studien sind klein und beobachteten die Teilnehmenden nur wenige Wochen.

Eine Übersichtsarbeit von 2022 fasste sechs Studien zu Nackenschmerzen zusammen. Spritzen mit Betäubungsmittel in schmerzende Muskelpunkte senkten die Schmerzstärke deutlicher als Nadeln ohne Mittel, die sogenannte trockene Nadelung 2.

Eine Studie von 2024 begleitete 50 Menschen mit Brustschmerzen, die nicht vom Herzen kamen, und mit druckempfindlichen Punkten in der Brustmuskulatur. Eine Gruppe bekam Spritzen plus Dehnübungen, die andere nur Dehnübungen. Die Gruppe mit den Spritzen hatte nach einem und nach drei Monaten deutlich weniger Schmerzen 3.

Eine Übersichtsarbeit von 2023 wertete vier Studien zu akuten Muskelschmerzen aus. Spritzen in die schmerzenden Punkte linderten die Schmerzen stärker als Medikamente. Ernsthafte Nebenwirkungen wurden nicht berichtet. Möglich waren vorübergehende Schmerzen oder blaue Flecken an der Einstichstelle 6.

Eine Studie von 2002 untersuchte 60 Menschen mit einer Nierenkolik, also starken Schmerzwellen durch einen Nierenstein. Die eine Hälfte bekam ein Betäubungsmittel in schmerzende Muskelpunkte gespritzt, die andere ein Schmerzmittel über die Vene. In der Spritzgruppe verschwanden die Schmerzen bei 15 von 30 Personen sofort, und nach durchschnittlich neun Minuten waren sie halbiert. Eine Gruppe mit einem Scheinverfahren gab es nicht 1.

Eine Beobachtungsstudie von 2017 begleitete 21 Männer mit chronischen Beckenschmerzen. Während einer Behandlung mit Spritzen und Krankengymnastik sank ihr Schmerzwert von 6,3 auf 2,9 Punkte auf einer Skala bis 10, und die Beschwerden besserten sich. Eine Vergleichsgruppe fehlte 5.

3. Was noch unklar ist

Viele Studien vergleichen nicht die Neuraltherapie mit einem Scheinverfahren, sondern verschiedene Spritzarten miteinander. Deshalb lässt sich schwer sagen, wie viel allein von der Spritze und wie viel vom Ablauf kommt. Eine Studie von 2026 an 75 Menschen mit Schmerzen in der Kaumuskulatur fand keine Unterschiede zwischen trockener Nadelung und Spritzen mit einem Betäubungsmittel 4.

Auch über lange Zeiträume gibt es wenig Beobachtungen. Die meisten Studien begleiteten die Teilnehmenden nur wenige Wochen. Vergleiche mit bewährten Behandlungen wie Krankengymnastik wurden bisher nicht durchgeführt. Zum Konzept der Störfelder, dem Kern der Neuraltherapie, stehen kontrollierte Studien noch aus. Und die Ergebnisse zu Triggerpunkt-Spritzen lassen sich nicht ohne Weiteres auf die Störfeldtherapie übertragen. Zu Bereichen wie Immunsystem, Psyche oder Krebserkrankungen gibt es nur einzelne kleine Arbeiten. Größere Studien mit Scheinvergleich und langer Beobachtung würden diese Fragen klären.

4. Was das im Alltag bedeutet

Wer über die Neuraltherapie nachliest, stößt auf viele positive Berichte, vor allem bei Muskel- und Gelenkschmerzen. Diese Berichte stammen meist aus kleinen Studien mit kurzer Beobachtungszeit. Am ehesten gut belegt sind kurzfristige Effekte bei Schmerzen im Bewegungsapparat, wenn in schmerzende Muskelpunkte gespritzt wird. Hinweise, aber noch nicht gesichert, gibt es für entzündliche Schmerzzustände. Für alles Weitere, etwa Störfelder oder Beschwerden ohne Schmerzen, ist es bisher nur eine Vermutung.

In den untersuchten Anwendungen waren die Nebenwirkungen gering. Berichtet wurden vorübergehende Schmerzen oder blaue Flecken an der Einstichstelle, keine ernsthaften Zwischenfälle. Weil ein Vergleich mit einem Scheinverfahren meist fehlt, bleibt offen, welcher Anteil der Verbesserung auf das Verfahren selbst zurückgeht. Genau diese Frage müssten die nächsten Studien klären.

Alle Einzelheiten mit Studienzahlen und Quellen: ausführliche Seite zu Neuraltherapie. Für Kinder: Neuraltherapie für Kinder.

Häufige Fragen

Wie läuft eine Neuraltherapie ab?

Ein örtliches Betäubungsmittel wird mit einer dünnen Nadel in bestimmte Körperstellen gespritzt, etwa in schmerzende Muskeln oder in Narben. Es werden nur kleine Mengen verwendet, und es sind meist mehrere Sitzungen. Das Mittel dämpft den Schmerz an der Stelle für eine Zeit.

Was ist ein Störfeld?

Ein Störfeld ist nach dem Konzept der Neuraltherapie ein Bereich, der dauerhaft entzündet oder vernarbt ist, zum Beispiel eine Narbe. Solche Stellen sollen über Nervenbahnen Beschwerden an anderen Körperstellen auslösen. Kontrollierte Studien zu diesem Konzept stehen noch aus.

Wie sicher ist die Neuraltherapie?

In einer Arbeit, die viele Studien zu Spritzen an schmerzhaften Muskelstellen zusammenfasst, wurden keine ernsthaften Nebenwirkungen berichtet 6. Möglich waren vorübergehende Schmerzen oder blaue Flecken an der Einstichstelle. Beobachtungen über lange Zeiträume stehen noch aus.

Quellen

  1. 1
    Iguchi M, Katoh Y, Koike H, Hayashi T, Nakamura M · 2002
  2. 2
    Navarro-Santana MJ, Sanchez-Infante J, Gómez-Chiguano GF, Cleland JA, Fernández-de-Las-Peñas C, Martín-Casas P et al. · 2022
  3. 3
  4. 4
  5. 5
  6. 6

Jede Aussage auf dieser Seite trägt ihre Stufe — belegt, plausibel oder Vermutung — und führt zur Originalarbeit. Die Entscheidung im Einzelfall trifft die behandelnde Person; die Zusammenhänge liefern wir.

International Health Research · https://ih-research.com/wissen/neuraltherapie/einfach/ · Stand: 2026-10-04