Lactoferrin einfach erklärt
Lactoferrin ist ein Eiweiß aus der Milch. Diese Seite fasst in einfachen Worten zusammen, was Untersuchungen am Menschen dazu gezeigt haben und was noch offen ist.
1. Worum es geht
Lactoferrin ist ein Eiweiß, das in Milch vorkommt. Besonders viel davon steckt in der ersten Milch nach der Geburt, dem Kolostrum. Der Stoff kann Eisen binden, deshalb heißt er eisenbindendes Eiweiß. In der Forschung gibt es ihn in drei Formen: aus Kuhmilch gewonnen, dort heißt er bovines Lactoferrin, aus menschlicher Milch gewonnen und im Labor hergestellt, also rekombinant. Diese drei Formen sind nicht gleich.
Ein Teil der Untersuchungen prüft Lactoferrin nicht allein. Es wird mit Milchsäurebakterien (Probiotika), mit Lysozym, einem weiteren Milcheiweiß, oder mit anderen Milchbestandteilen zusammen gegeben. Aus solchen Studien lässt sich nicht sagen, was Lactoferrin allein bewirkt.
Entscheidend ist auch der Weg durch den Körper. Wer Lactoferrin schluckt, muss damit rechnen, dass ein Teil im Magen verdaut wird. Eine viel zitierte Arbeit von 2001 hat untersucht, wie viel davon den Magen übersteht 1.
2. Was Untersuchungen zeigen
Am besten untersucht sind Darm und Immunsystem. Ein paar Beispiele:
In einer Studie bekamen 26 gesunde Säuglinge eine mit Lactoferrin angereicherte Säuglingsnahrung, 26 weitere eine übliche. Nach zwölf Monaten waren in der ersten Gruppe weniger Erkrankungen der unteren Atemwege gezählt worden, vor allem weniger pfeifende Atmung. Die Nahrung wurde gut vertragen 8.
104 Erwachsene mit kleinen Darmpolypen nahmen ein Jahr lang täglich Lactoferrin aus Kuhmilch. Bei den Teilnehmern bis 63 Jahre wuchsen die Polypen langsamer als in der Vergleichsgruppe 5. Die Autoren der Arbeit weisen darauf hin, dass Polypen übersehen werden können und ihre Entfernung nicht immer vollständig gelingt.
Kinder mit Durchfall bekamen eine Trinklösung aus Reis, Salz und Zucker. Bei den Kindern, die zusätzlich im Labor hergestelltes menschliches Lactoferrin und Lysozym erhielten, dauerte der Durchfall 3,67 Tage statt 5,21 Tage, und mehr Kinder hatten nach 48 Stunden festen Stuhl 3.
Junge Erwachsene mit Akne aßen zwölf Wochen lang fermentierte Milch, 18 von ihnen mit Lactoferrin, 18 ohne. In der Lactoferrin-Gruppe gingen die entzündlichen Pickel stärker zurück, und die Haut war weniger fettig 4.
Bei 743 Frühgeborenen mit sehr niedrigem Geburtsgewicht wurde Lactoferrin aus Kuhmilch geprüft, teils allein, teils zusammen mit Milchsäurebakterien. Eine schwere Darmerkrankung, die bei Frühgeborenen auftreten kann, trat in den behandelten Gruppen seltener auf, am deutlichsten in der Kombination 7. Eine Cochrane-Übersichtsarbeit von 2020, also eine Zusammenfassung mehrerer Studien, deutete auf eine sichere Anwendung hin; bei einigen Punkten blieb die Aussage unsicher 2.
3. Was noch unklar ist
Die meisten kontrollierten Studien am Menschen betreffen Immunsystem und Darm. Zu anderen Bereichen wie Viren, Stoffwechsel, Denkleistung, Krebs, Aufnahme in den Körper und Knochen gibt es deutlich weniger Arbeiten. Wie Lactoferrin dort wirkt, ist eine offene Frage.
Ein zweiter Punkt ist die Mischung. Viele Studien geben Lactoferrin zusammen mit Probiotika oder anderen Milchbestandteilen. Was davon auf Lactoferrin selbst zurückgeht, lässt sich daraus nicht ableiten. Bei der bakteriellen Scheideninfektion war die Studie ausdrücklich als Pilotstudie angelegt 6.
Drittens: Die am häufigsten zitierte kontrollierte Arbeit am Menschen untersucht die Verdauung im Magen und keinen Gesundheitsendpunkt 1. Die meistzitierte Arbeit der Datenbank ist eine Tierstudie. Wer nach dem besten Beweis sucht, landet also nicht automatisch bei einer Aussage darüber, ob Lactoferrin etwas bewirkt.
4. Was das im Alltag bedeutet
Wer über Lactoferrin liest, sollte zuerst vier Fragen stellen: Welche Form wurde geprüft, aus Kuhmilch, aus menschlicher Milch oder im Labor hergestellt? Wurde der Stoff allein gegeben oder in einer Mischung? Wie viele Menschen haben mitgemacht, und wie lange? Und was wurde gemessen: ein Laborwert, eine Angabe aus einem Fragebogen oder etwas, das die Teilnehmer selbst gespürt haben?
Ein Teil dessen, was Lactoferrin zugeschrieben wird, stammt aus Zell- und Tieruntersuchungen. Solche Befunde lassen sich nicht ohne Weiteres auf den Menschen übertragen, auch weil der Magen einen Teil des geschluckten Eiweißes verdaut.
Lactoferrin ist ein normales Milcheiweiß und kein Fremdstoff. Ob es in einer bestimmten Situation etwas verändert, ist damit aber nicht geklärt.
Als Nächstes wäre zu klären, ob sich in Studien mit Mischungen der Anteil von Lactoferrin von den übrigen Bestandteilen trennen lässt und ob sich die Befunde zu Darm und Immunsystem in größeren Gruppen bestätigen.
Alle Einzelheiten mit Studienzahlen und Quellen: ausführliche Seite zu Lactoferrin. Für Kinder: Lactoferrin für Kinder.
Häufige Fragen
Ist das Lactoferrin in Studien dasselbe wie in Muttermilch?
Nicht ganz. In der Forschung gibt es drei Formen: Lactoferrin aus Kuhmilch, aus menschlicher Milch und eine im Labor hergestellte Form. Sie ähneln sich, sind aber nicht identisch. In Muttermilch und in der ersten Milch nach der Geburt kommt besonders viel davon vor.
Kann ich aus den Studien ablesen, dass Lactoferrin gesund hält?
So einfach nicht. Die klarsten Befunde stammen aus Studien zu Darm und Immunsystem, oft an Frühgeborenen, Säuglingen oder Menschen mit einer bestimmten Beschwerde. In vielen dieser Studien wurde Lactoferrin zusammen mit anderen Stoffen gegeben, etwa mit Milchsäurebakterien. Ob Lactoferrin allein in diesen Situationen etwas bewirkt, ist eine offene Frage.
Was heißt bovines Lactoferrin?
Bovin bedeutet, dass das Eiweiß aus Kuhmilch stammt. Lactoferrin wird für Studien meist daraus gewonnen, weil Kuhmilch leicht verfügbar ist. Daneben gibt es Lactoferrin aus menschlicher Milch und eine im Labor hergestellte Form.
Quellen
- 1Troost FJ, Steijns J, Saris WH, Brummer RJ · 2001
- 2
- 3Zavaleta N, Figueroa D, Rivera J, Sánchez J, Alfaro S, Lönnerdal B · 2007
- 4Kim J, Ko Y, Park YK, Kim NI, Ha WK, Cho Y · 2010
- 5Kozu T, Iinuma G, Ohashi Y, Saito Y, Akasu T, Saito D et al. · 2009
- 6
- 7
- 8
Jede Aussage auf dieser Seite trägt ihre Stufe — belegt, plausibel oder Vermutung — und führt zur Originalarbeit. Die Entscheidung im Einzelfall trifft die behandelnde Person; die Zusammenhänge liefern wir.