Carnosin einfach erklärt
Was Carnosin ist, was Untersuchungen dazu zeigen und wo noch Fragen offen sind — verständlich erklärt für alle, die sich ohne medizinische Vorkenntnisse einen Überblick verschaffen möchten.
1. Worum es geht
Carnosin ist ein kleines Bausteinchen aus zwei Aminosäuren, also aus zwei Eiweißbausteinen. Es besteht aus Beta-Alanin und L-Histidin. Der Körper baut es selbst auf, vor allem in der Muskulatur, und dort ist es gut messbar. Das Enzym Carnosin-Synthase ist für diesen Aufbau zuständig. Neben Carnosin gibt es eine verwandte Form namens Anserin, die in mehreren Arbeiten zusammen mit Carnosin geprüft wurde. In der Forschung werden vor allem drei Eigenschaften besprochen: Carnosin kann aggressive Moleküle binden, die Zellen schaden können. Es wirkt als Antioxidans, also als Schutz gegen schädigenden Sauerstoff. Und es kann Eiweiße davor bewahren, dass sich Zucker daran heftet und sie sich verkleben. Diese drei Punkte erklären, warum Carnosin in so verschiedenen Bereichen untersucht wird: bei Stoffwechsel, Gedächtnis, Muskeln und Herz-Kreislauf. Ein Punkt ist für alle Studien wichtig: Was man einnimmt, ist nicht dasselbe wie das, was im Gewebe gemessen wird. Ein Enzym namens Carnosinase spaltet zugeführtes Carnosin im Blut. Wie viel davon unverändert in die Muskeln gelangt, hängt von diesem Abbau ab. Deshalb wird in der Forschung häufiger der Baustein Beta-Alanin zugeführt, weil er den Carnosingehalt im Muskel erhöht.
2. Was Untersuchungen zeigen
Am deutlichsten sind die Befunde bei Kindern mit einer Nierenschädigung durch Diabetes. In einer Studie mit 90 Kindern erhielten die Teilnehmer über 12 Wochen Carnosin oder ein Placebo, also ein Scheinpräparat ohne Wirkstoff. In der Carnosin-Gruppe sanken der Langzeitblutzuckerwert, die Eiweißausscheidung im Urin und ein Messwert für oxidativen Stress, während die Schutzkapazität gegen oxidativen Stress stieg. Unerwünschte Reaktionen durch die Carnosingabe wurden nicht berichtet 3. Bei Krebsbehandlung gibt es einen Hinweis auf Schutz vor Nervenschäden. 65 Patienten erhielten eine Chemotherapie, ein Teil davon zusätzlich L-Carnosin. In der Carnosin-Gruppe blieben 40 % der Patienten ohne Nervenschäden, ohne Carnosin waren es 3,2 %. Auch zwei Entzündungsbotenstoffe im Blut sanken 5. Die Arbeit ist klein angelegt, und die Autoren bezeichnen sie selbst als Pilotstudie. Beim Gedächtnis untersuchte eine Studie 39 gesunde ältere Menschen über 3 Monate. Sie erhielten eine Mischung aus Anserin und Carnosin oder ein Placebo. In der Gruppe mit der Mischung blieb die verzögerte verbale Erinnerung erhalten, also die Fähigkeit, sich Wörter und Geschichten nach einer Weile noch zu erinnern. Zudem sanken entzündliche Botenstoffe im Blut 2. Weil eine Mischung geprüft wurde, lässt sich daraus nicht ableiten, was Carnosin allein bewirkt. Beim Stoffwechsel zeigte eine kleine Studie mit 15 übergewichtigen, nicht diabetischen Personen über 12 Wochen, dass der Anstieg von Nüchterninsulin und Insulinresistenz unter Carnosin schwächer ausfiel 1. Die Autoren nennen die Arbeit selbst eine Pilotstudie mit kleiner Gruppenzahl. Bei Herzschwäche verbesserten sich in einer Studie die Gehstrecke im 6-Minuten-Gehtest und die Lebensqualität 4. Bei autistischen Kindern besserte sich in einer Studie der Schlaf, der Schweregrad des Autismus änderte sich nicht 6. Eine wichtige Beobachtung betrifft die Aufnahme: Von 25 gesunden Personen zeigten nach einmaliger Carnosingabe nur 8 einen messbaren Anstieg im Blut 7. Bei den übrigen war das spaltende Enzym im Blut stärker vertreten.
3. Was noch unklar ist
Viele Studien am Menschen beobachten nur und messen Blutwerte. Ein Messwert ist aber nicht dasselbe wie der Verlauf einer Erkrankung. Ein gesenkter Laborwert sagt nicht automatisch, dass es den Menschen besser geht. Offen ist auch die Frage der Aufnahme. Zugeführtes Carnosin wird im Blut gespalten, und wie viel unverändert ins Gewebe kommt, ist von Mensch zu Mensch verschieden. Der besser untersuchte Weg läuft über den Baustein Beta-Alanin. Mehrere Studien prüfen Mischungen, etwa Anserin mit Carnosin oder Kombinationen mit Zink, Chrom oder Pflanzenextrakten. Aus einer Mischung lässt sich keine Wirkung des Einzelstoffs Carnosin ableiten. Ein Teil der Arbeiten stammt außerdem aus Zellkultur und Tierversuchen; solche Ergebnisse gelten als präklinisch, also als Vorstufe, nicht als Beleg am Menschen.
4. Was das im Alltag bedeutet
Carnosin ist ein Stoff, den der Körper selbst bildet und der in vielen Bereichen untersucht wird. Wer eine Meldung über Carnosin liest, kann drei Fragen stellen: Welcher Stoff wurde zugeführt? Was wurde gemessen? Und wurde ein Einzelstoff oder eine Mischung geprüft? Diese drei Fragen entscheiden, wie viel eine Aussage trägt. Die Befunde am Menschen sind überwiegend Hinweise, keine gesicherten Beweise. Am besten belegt sind Veränderungen von Messwerten, etwa bei Kindern mit diabetischer Nierenschädigung. Für Gedächtnis, Herzschwäche und Schlaf gibt es kleinere Arbeiten mit ermutigenden Ergebnissen. Als Nächstes wäre zu klären, wie viel zugeführtes Carnosin tatsächlich unverändert ins Gewebe gelangt und ob der Einzelstoff Carnosin die beobachteten Veränderungen allein bewirkt. Solange das offen ist, bleibt jede Einordnung vorläufig.
Alle Einzelheiten mit Studienzahlen und Quellen: ausführliche Seite zu Carnosin. Für Kinder: Carnosin für Kinder.
Häufige Fragen
Ist Carnosin dasselbe wie Beta-Alanin?
Nein. Beta-Alanin ist einer von zwei Bausteinen, aus denen der Körper Carnosin aufbaut. Wird Beta-Alanin zugeführt, steigt der Carnosingehalt im Muskel; das ist der in der Forschung besser untersuchte Weg. Carnosin selbst ist das fertige Bausteinchen aus beiden Teilen.
Warum messen so viele Studien nur Blutwerte?
Blutwerte lassen sich einfach und schnell bestimmen. Sie zeigen, ob sich etwas im Stoffwechsel verändert hat. Ob ein veränderter Wert auch bedeutet, dass es einem Menschen besser geht, ist damit noch nicht gesagt.
Kommt zugeführtes Carnosin überhaupt in den Muskeln an?
Nicht bei jedem gleich. Ein Enzym im Blut namens Carnosinase spaltet einen Teil davon. In einer Untersuchung mit 25 gesunden Personen zeigten nur 8 einen messbaren Anstieg im Blut 7.
Quellen
- 1de Courten B, Jakubova M, de Courten MP, Kukurova IJ, Vallova S, Krumpolec P et al. · 2016
- 2Hisatsune T, Kaneko J, Kurashige H, Cao Y, Satsu H, Totsuka M et al. · 2016
- 3Elbarbary NS, Ismail EAR, El-Naggar AR, Hamouda MH, El-Hamamsy M · 2018
- 4Lombardi C, Carubelli V, Lazzarini V, Vizzardi E, Bordonali T, Ciccarese C et al. · 2015
- 5Yehia R, Saleh S, El Abhar H, Saad AS, Schaalan M · 2019
- 6Mehrazad-Saber Z, Kheirouri S, Noorazar SG · 2018
- 7Everaert I, Taes Y, De Heer E, Baelde H, Zutinic A, Yard B et al. · 2012
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